19 Mal für den Oscar nominiert, 29 Mal für den Golden Globe – keine andere hat das geschafft. In ihrem neuen Film spielt Streep eine Rocksängerin
Rickie – Oder wie das Leben so spielt © Sonypictures
Meryl Streep ist unbestritten die beste Schauspielerin ihrer Generation. Seit ihrem Fernseh- und Kinodebüt 1977 („The Deadliest Season und Julia“) hat Meryl Streep drei Oscars und neun Golden Globes gewonnen, mit 19 Oscar- und 29 Golden-Globe-Nominierungen ist die Schauspielerin die unanfechtbare Königin Hollywoods. In ihren Rollen ist sie wie ein Chamäleon, brilliert als Komödiantin in „Kramer gegen Kramer“, verhext im Musical „Into the Woods“ und beeindruckt als britische Premierministerin Margaret Thatcher in „Die Eiserne Lady“. „Nur dass ich mit 66 eine Rockerin spiele, übersteigt selbst meine Vorstellungskraft.“ Doch für das „BESSER“-Interview im Ritz Carlton in New York entscheidet sich Meryl Streep nicht für Lederkluft, sondern für ein klassisches Sommerkleid von Derek Lam. Ihre Rolle in „Ricki – wie Familie so ist“ beschreibt das Allroundtalent folgendermaßen: „Ricki verlässt ihre Familie, um sich ihren Lebenstraum, Rockstar zu werden, zu erfüllen. Bis zur dramatischen Scheidung ihrer Tochter pflegt die Barmusikerin keinerlei Kontakt zur Familie. Und die unerwartete Familienzusammenführung bricht alte Wunden auf.“ Den Part der Tochter übernimmt Streeps eigene Tochter, Mamie Gummer. Damit das Spannungsverhältnis zwischen Mutter und Tochter nicht an Dynamik verliert, unterband Regisseur Jonathan Demme die Kommunikation zwischen Streep und Gummer. Eine Anweisung, die Streep „etwas eigenartig“ empfand. In unserem Gespräch spricht Streep darüber, wie sie Beruf und Familie jongliert, warum sie für halbe-halbe eintritt, und sie erinnert sich an ihr erstes Beatles-Konzert.
In „Ricki – wie Familie so ist“ sehen wir eine Frau, die ihre Familie verlässt, um Rockstar zu werden. Hätten Sie als Künstlerin Ihre Familie der Karriere zuliebe geopfert?
Meiner Meinung nach sind zu viele Fragen offen, um Ricki zu verurteilen. Wir erfahren nichts über die Hintergründe, warum sie Mann und Familie verlässt. Ebenso wenig wissen wir, warum sie überhaupt davon träumt, Rockstar zu werden. Mir gefällt Ricki, weil sie eine Frau ist, die ihre Träume verwirklicht. Auch wenn ihr großer Lebenstraum unerfüllt bleibt. Was mich betrifft, so war und ist die Familie meine Priorität. Allerdings habe ich auf dem harten Weg gelernt, meine Forderungen schriftlich zu vereinbaren. In jungen Jahren akzeptierte ich Rollenangebote, für die die Dreharbeiten keine zwei Wochen überschritten. Das war meine persönliche Schmerzgrenze, was die Trennung von meiner Familie betraf. Dieses Zeitfenster wurde mir auch seitens der Produktionsfirma vor den Dreharbeiten zu „Dancing at Lughnasa“ (Anm.: 1998, die Rolle brachte Streep eine Nominierung bei den Irish Film and Television Awards als beste Hauptdarstellerin ein) mündlich zugesichert. Dann geschah, womit ich nicht gerechnet hatte. Die Dreharbeiten zogen sich hinaus. Zuerst um eine Woche, dann um zwei. Ich konnte nicht zu meiner Familie zurückkehren. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als sie nach Irland zu holen. Ich war empört und außer mir, dass sich die Produktionsfirma nicht an unsere Vereinbarung hielt. Was ich aus dieser Erfahrung für mich gelernt habe? Verlass dich nie auf mündliche Versprechen, denn bei Geld hört die Freundschaft auf.
Berufstätige Frauen fühlen sich oftmals schuldig, nicht hundertprozentig für die Familie da sein zu können. Ergeht es Ihnen ähnlich?
Natürlich kann ich dieses Gefühl nachvollziehen. Wenn man täglich von neun bis 17 Uhr arbeitet und nur zwei Wochen Urlaubsanspruch hat, bleibt nicht viel Zeit für die Familie. Als Schauspielerin bin ich jedoch in einer ganz anderen Position; unsere Arbeitszeiten sind flexibel. Und wie erwähnt, habe ich auch aus meinen Fehlern gelernt. Meine Faustregel ist: sechs Monate Dreharbeit, sechs Monate Auszeit, sprich Zeit für die Familie. Ich bin ein Verfechter von halbe-halbe. Denn ich finde, Vätern sollten auch flexiblere Arbeitszeiten zustehen, damit sie dementsprechend Zeit mit der Familie verbringen können.
„Ricki – wie Familie so ist“ stammt aus der Feder von Diablo Cody, einer der erfolgreichsten Drehbuchautorinnen in Hollywood. Sehen Sie in Bezug auf weibliche Autorinnen eine Trendwende in Hollywood?
Im vergangenen Jahr nahm ich an einem Mittagessen teil, das das American Film Institute für die nominierten Filme und TV-Serien veranstaltet. Die TV-Liste war von der Dramaserie „Orange Is the New Black“ dominiert, in der Frauen die Protagonistinnen sind. Die Filmkategorie wies nur einen Film mit einer weiblichen Protagonistin in ihren Top Ten auf. Film hinkt TV nach – TV liefert, was das Publikum wünscht. Filme dagegen sind eine andere Welt. Da dreht sich alles um Spielzeug und Game Franchise. Dazu kommt: Wer stimmt ab, worüber berichten die Medien, wessen Stimme ist am lautesten und als Erstes draußen? Und das sind in der Regel nicht die weiblichen Stimmen.
Bei der Oscar-Verleihung im Februar gaben Sie Patricia Arquette eine Standing Ovation für ihre Ansprache. Sie haben sich in der Vergangenheit für Frauenrechte engagiert. Wie sehen Sie dahingehend die Erfolge?
Ich glaube, die Welt wäre besser managebar, wäre sie in diesem Punkt im Lot bzw. in Balance. Nehmen wir nur Nationen her, in denen Frauen in ihren Menschenrechten beschnitten sind, das sind arme Länder, wo Stammesrivalität dominiert. Aber wenn der Frauenanteil an z. B. Entscheidungen dem Männeranteil angeglichen ist, sehe ich eine bessere Welt. Ich betone, nicht wenn er darüberliegt, sondern in einem gleichen Verhältnis. Dann muss niemand mehr unter den Entscheidungen des inneren Zirkels der Machtträger leiden.
Rickie – Oder wie das Leben so spielt © Sonypictures
In „Ricki – wie Familie so ist“ wird Ihre Filmtochter verlassen. Ihre Tochter Mamie Gummer wurde ebenso nach nur wenigen Ehejahren von ihrem Mann, Schauspieler Ben Walker, verlassen. Wie hat sich dies auf Ihre Mutter-Tochter Beziehung ausgewirkt?
Die ganze Familie hat mit Mamie mitgelitten, und wir haben uns alle gefragt, warum das passieren musste. Was meiner Tochter in dieser schwierigen Lebensphase geholfen hat, war sicherlich die Familie, ganz besonders ihre beiden Schwestern. Die drei sind Tag und Nacht zusammengesteckt und haben sich gegenseitig ausgeweint. Im Stillen habe ich meine Töchter bewundert, denn ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen, und zwischen Bruder und Schwester ist die Kommunikation einfach nicht dieselbe wie unter Schwestern. Im Nachhinein war die Trennung auch das Beste, was unter den Umständen passieren konnte. Mamie ist gereift und gestärkt. Sie hat auch Glück, Schauspielerin zu sein. Schauspielen ist Medizin – weil man die eigenen Gefühle, seine Verletzbarkeit, Aufgewühltheit, Verunsicherung und Depression in einer fiktiven Person auslebt.
Haben Sie Mamie als Ihre Filmtochter vorgeschlagen?
Nein, Mark Platt hat Mamie vorgeschlagen. Selbst wenn ich im Geheimen gedacht hätte, Mamie wäre ideal für diese Rolle, nie und nimmer hätte ich diesen Gedanken geäußert.
Meryl Streep und Don Gummer © Getty Images
Sie sind seit 1978 mit Ihrem Mann, Bildhauer Don Gummer, verheiratet. Was ist Ihr Geheimnis für eine dauerhafte Ehe?
Es gibt weder ein Geheimnis noch ein Rezept. In meinem Bekanntenkreis sind Paare, die vier Jahrzehnte verheiratet sind, keine Seltenheit. Mein Glück war, einen guten Mann zu finden. Don war geschieden, seine erste Ehe schloss er mit 21. Ein Jahr später war die Ehe geschieden. Jeder bringt in eine Beziehung seine eigene Geschichte mit.
Rick Springfield ist Ihr musikalischer Partner und Lebensmensch in „Ricki – wie Familie so ist“. Wie ist die Wahl auf Rick Springfield gefallen, und kennen Sie seinen Hit „Jessie’s Girl‘?“
Und ob! „Jessie’s Girls“ habe ich rauf- und runtergespielt. Perfekt zum Mitsingen beim Autofahren. Die Besetzung der Rolle von Rickis Gitarrist gestaltete sich insofern schwierig, als wir entweder Musiker fanden, die als Schauspieler nicht überzeugten, oder Schauspieler, die nicht Gitarre spielten und singen konnten. Die Bandauftritte in der Bar sind nämlich alle live, Regisseur Jonathan Demme lehnte Play-back ab. Durch Rick Springfield wird unsere Performance als Band glaubwürdig, und schauspielerisch imponiert mir seine Sensibilität.
Wie viel Mitspracherecht hatten Sie bei der Auswahl der Songs?
Den Song „My Love Will Not Let You Down“ von Bruce Springsteen schlug ich vor. Ich hörte ihn im Auto und dachte, thematisch perfekt. Die restlichen Lieder wählten wir gemeinsam aus. Sie repräsentieren jene Hits der Goldenen Rock’n’Roll-Ära, die auch heute in Lokalen gespielt werden.
Im Musical „Mama Mia“ interpretieren Sie Abba, als Ricki singen Sie die Hits der Sechzigerjahre. Was war für Sie schwieriger?
Man kann die beiden deshalb nicht vergleichen, weil in „Mama Mia“ die Herausforderung war, den legendären Sound von Benny und Björn zu interpretieren. Ricki dagegen muss den Hits, die sie in ihrem Repertoire bietet, ihren eigenen Stempel aufdrücken.
Erinnern Sie sich an Ihr erstes Rockkonzert?
Das waren die Beatles, 1965 im Shea, Queens, ich war 16 Jahre alt. Eines der sensationellsten Konzerte. So weit ich es in Erinnerung habe, waren die Beatles die erste Band überhaupt, die in einem Stadion auftraten. Die Promoter waren davon ausgegangen, dass keine Musikgruppe eine Sportarena mit 70.000 Leuten in meinem Alter füllen könnte. Die Stimmung war sagenhaft, und das Konzert war der Anfang der Rock’n’Roll-Ära in den USA. Ich habe sie alle live miterlebt: Bob Dylan in Newport, New Jersey, und die Rolling Stones – von denen es damals hieß, das ist auch eine englische Band, aber sie ist nicht so gut wie die Beatles. Woran ich mich ganz deutlich erinnere, ist, dass die Band zuerst auf die Bühne kam, wir waren total aus dem Häuschen. Plötzlich schritt jemand singend in einem roten Satinkleid den Gang entlang. Wir waren sprachlos. Ist das Mick Jagger? Ein Mann in einem Kleid? Oder ist es doch eine Frau? Das war 1965, und ich hatte noch nie von Transvestiten gehört.
Ihr nächster Film hat ebenso mit Musik zu tun: Sie spielen die Amateursopranistin Florence Foster Jenkins.
Ich spiele eine schlechte Opernsängerin. Die Rolle konnte ich unmöglich ablehnen, weil es eine berührende wie wahre Geschichte ist. Florence Foster Jenkins gehörte zum wohlhabenden Damenzirkel der New Yorker Gesellschaft. Ihre Leidenschaft galt der Oper, allerdings hatte sie selbst überhaupt kein musikalisches Talent. Was sie trotzdem nicht davon abhielt, jahrelang private Liederabende zu veranstalten. 1944 ging ihr größter Wunsch in Erfüllung: ein Liederabend in der ausverkauften Carnegie Hall. Die Kritiken fielen dermaßen vernichtend aus, dass Florence Foster Jenkins kurze Zeit später an gebrochenem Herzen starb.
Barbara Gasser
Hier geht es zum Lebenslauf von Meryl Streep.
Im August in Osage County
am 19.09.2015 um 18:10 Uhr auf Sky Cinema/HD
Von Löwen und Lämmern
am 11.10.2015 um 17:05 Uhr auf MGM/HD
The Hours
am 21.09.2015 um 16:35 Uhr auf Sky Emotion
Die Brücke am Fluss
am 25.09.2015 um 21:55 Uhr auf Sky Emotion
Grüße aus Hollywood
am 09.10.2015 um 21:55 Uhr auf Sky Emotion
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via Chebli Mohamed
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