lundi 7 septembre 2015

Marcel Koller – Fussball ohne Limits

Er hat als Teamchef des Nationalteams die Limits nach oben aufgehoben. Unter ihm hat sich Österreich wieder zur Klassemannschaft entwickelt

BESSER hat den Teamchef Marcel Koller in Wien getroffen
Marcel Koller © Getty Images

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Wien, Alte Donau, blauer Himmel, der Teamchef ist gut drauf: „Wenn man sieht, wie die österreichischen Fußballfans mit dabei sind, wie viel Euphorie im Land herrscht – dann ist alles eitel Sonnenschein, so wie das Wetter gerade.“ Ein stilles Wasser. Marcel Koller nimmt einen Schluck. Er ist kein Mann der großen Töne: „Überheblichkeit und Hochnäsigkeit können wir nicht brauchen.“ Trotzdem gibt sich der Teamchef offener als in der Vergangenheit. Ein schelmisches Grinsen da, ein Schmäh dort. Kein Wunder, wer Österreich von Platz 71 der Weltrangliste auf Platz 14 führt, hat allen Grund zur Lockerheit. Mit seiner Mannschaft hat er das Fundament von etwas Großem geschaffen. Die bisher beste Platzierung und die beinahe fixe EM-Qualifikation sind Balsam für die österreichische Fußballseele. Trotzdem bleibt Koller knallharter Realist ohne Hang zur Träumerei. „Wir sind auf einem sehr guten Weg. Man merkt, dass sich die lange Zusammenarbeit lohnt. Ich bin selten zufrieden, möchte weiter nach vorn.“
Er hat sich geöffnet, das Schutzschild vor der Öffentlichkeit abgelegt, sich mit Österreich arrangiert. Der Erfolg gibt ihm recht. Vom medialen Gegenwind zu Beginn seiner Amtszeit ist wenig über. Der Schweizer hat diesen Konflikt auch nie gesucht. Zumindest öffentlich ließ er sich nichts anmerken. Er hat von Beginn an kein Naheverhältnis zu Medien zugelassen, sondern lieber in Ruhe gearbeitet. Mittlerweile ist aus dem Arbeiten auch ein Leben geworden. Koller fühlt sich in Österreich wohl. Wien, seit bald vier Jahren sein Lebensmittelpunkt, schätzt er. Sein Blick wandert vom Wasser hinauf zum Kahlenberg: „Gut zum Radfahren, aber sehr steil.“ Wenn Marcel Koller spricht, glaubt man ihm. Er formuliert unverblümt ehrlich, kommt auf den Punkt.
Die österreichische Mentalität, für Koller anfangs gewöhnungsbedürftig. Das Raunzen war ihm von Beginn an zuwider: „Da habe ich bewusst dagegengearbeitet. Nach einem Jahr war Schluss damit. Mittlerweile gibt es noch ein paar wenige Sportraunzer, die das brauchen. Aber das ist kein Problem. Wichtig ist, dass man sich immer selbst hinterfragt, sich ständig analysiert.“ Die aktuelle Euphorie um sein Team versteht der 54-Jährige, mahnt aber zugleich: „Die Euphorie im Land soll erhalten bleiben, aber die Mannschaft muss demütig bleiben. Wenn du denkst, es kann dir gar nichts mehr passieren, bist du schnell wieder am Boden.“

Marcel Koller © GEPA pictures

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Koller hat dem Nationalteam Konstanz verliehen. Er hat an seinem Mannschaftsstamm festgehalten. Als etwa die beiden Kapitäne Christian Fuchs und Marc Janko in ihren Vereinen keine Spielzeit bekommen haben, hat der Teamchef trotzdem auf sie gesetzt. Die Routiniers haben das Vertrauen mit guten Leistungen zurückbezahlt. Auffällig dabei: Die stetige Demut und Dankbarkeit auf beiden Seiten. Das beste Beispiel dafür ist wohl Marko Arnautovic. Koller hat immer auf ihn gesetzt und massiv dazu beigetragen, dass der Stürmer vom egoistischen Rüpel zum Teamplayer geworden ist. Man vertraut sich, ist eng zusammengewachsen. Kein Wunder also, dass Martin Harnik vom zuletzt abstiegsbedrohten VfB Stuttgart das Nationalteam als „Wohlfühloase“ bezeichnet.
Unter dem Züricher hat die Mannschaft ein neues Selbstverständnis entwickelt und erarbeitet. Sebastian Prödl meinte nach dem 1:0-Sieg über Russland im Juni: „In der Momentaufnahme sind wir eine Spitzenmannschaft.“ Koller: „Unser Selbstvertrauen ist gestiegen. Es ist immer wichtig, zuerst auf dem Platz zu zeigen, was man draufhat, und nicht vorher große Sprüche zu machen, ohne die Dinge umsetzen zu können.“
Die starken Leistungen resultieren laut Koller aus einem Gesamtpaket: „Es hat nicht nur mit Selbstvertrauen zu tun, sondern auch mit Arbeit, Bewusstsein, Konsequenz.“ Genau diese drei Attribute impft er seiner Mannschaft ein. Lehrgang für Lehrgang. Denn verändern, so der Coach, könne man in der kurzen Zeit des Beisammenseins ohnehin nicht viel. Die Devise: Gemeinsam Geschaffenes weiterentwickeln. Denn: „Limit soll es keines geben. Wenn die Spieler bereit sind, den Weg mitzugehen und nicht hochnäsig oder unzufrieden sind, dann setze ich keine Grenzen“, sagt er und ergänzt: „Wir sind noch nicht für die EM qualifiziert.“ Er ist eben kein Mann für große Töne.

Johannes Hofer

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via Chebli Mohamed

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