Arnon Milchan und Alejandro González Iñárritu © Getty Images
Mit Elizabeth Taylor hat alles angefangen.
Jeder kennt Mogule wie Harvey Weinstein, aber für die großen Oscar-Filme zeichnet inzwischen ein weithin Unbekannter verantwortlich – ein ehemaliger Geheimagent, Friedensaktivist, Multimilliardär, Sportfanatiker und bedingungsloser Fan von Kinokunst.
Wenn Leonardo DiCaprio in diesem Jahr endlich seinen Oscar gewinnt, dann sollte er sich bei Elizabeth Taylor bedanken. Das Gleiche hätte Brad Pitt tun sollen, als er in seiner Funktion als Produzent für „12 Years a Slave“ die Statuette für den besten Film bekam. Und auch Alejandro González Iñárritu, Regiepreisträger 2015, hatte jeden Grund, auf ihrem Altar eine Kerze anzuzünden. Denn ohne die legendäre Diva hätte es all diese Filme wohl nie gegeben – ebenso wenig wie unzählige andere Klassiker, ob „L.A. Confidential“ „JFK“, „Fight Club“ oder „Pretty Woman“. Sie hatte ihren entscheidenden Auftritt bei einem Abendessen im Wien Ende der 70er. Mit am Tisch saß ein junger israelischer Unternehmer, der nach seinem Bekunden „noch nie eine berühmte Person“ gesehen hatte. Aber nach dieser Begegnung war er dem Zauber des Showbusiness erlegen. Sein Name: Arnon Milchan.
Er ist Drahtzieher hinter den beiden ‚besten Filmen’ der letzten Oscarverleihungen, und mit „The Revenant – Der Rückkehrer“ hat er auch dieses Jahr ein heißes Eisen im Feuer. Sofern nicht gerade die Wall-Street-Satire „The Big Short“ gewinnt. Was in diesem Fall keine Tragödie wäre – schließlich wurde auch dieser Film von Milchans Firma New Regency produziert und kofinanziert. Der letzte Tycoon’, so betitelte das Los Angeles Magazin den heute 71jährigen, und genau das ist er: Ein Mogul alten Schlages, der nicht von Aktionären und Aufsichtsräten abhängig ist, und sein eigenes Geld in Filme steckt, auf die kein Bürokrat der Branche setzen würde. Der dann eben mal $ 45 Millionen drauflegt, wenn der Wettergott den Drehplan von „The Revenant – Der Rückkehrer“ komplett durcheinander bringt. Und das bei einer düsteren, elegischen Rachegeschichte, die nichts mit dem leichtverdaulichen Franchisekino von heute gemein hat.
Aber Milchan kennt das. Denn sein Debüt als Produzent feierte er mit einem Film, dessen Entstehung noch viel haarsträubender war: Drei Jahre seines Lebens und sein ganzes Vermögen investierte er Anfang der 80er in den Sergio Leone Epos „Es war einmal in Amerika“ – der seinen Drehplan um fünf Monate auf elf überzog. „Ich muss verrückt gewesen sein, das zu machen“ meint er heute, wobei er auf keinen anderen seiner Filme so stolz ist. Effektiv hielt er sich nur an das Motto seines Freundes und ehemaligen israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres: „Wenn ich eine Mauer sehe, dann halte ich sie für eine Tür.“ Und so als ob das Husarenstück des Leone-Films nicht genug war, stemmte er Martin Scorseses „King Of Comedy“ und Terry Gilliams „Brazil“ gleich hinterher. Bei letzterem lieferte er sich Schlachten mit dem Studio Universal, das den Film in einer verstümmelten Version in den USA herausbringen wollte – ein Schicksal, das auch „Es war einmal in Amerika“ ereilte. Der Studiovorsitzende Sid Sheinberg wetterte damals: „Wenn Sie diese Szenen nicht schneiden, dann werden Sie nie wieder in Hollywood arbeiten.“ Eine leere Drohung: „Ich hatte meine Karriere nicht im Postbüro der William Morris-Agentur begonnen wie all die Hollywood-Produzenten, ich hatte ein Leben außerhalb der Branche.“ Das wiederum ist eine ordentliche Untertreibung. Selbst wenn sich Milchan mit allem Charme als „naive Jungfrau“ darstellt, die nicht wusste, worauf sie sich einließ, er war das exakte Gegenteil. Mit 21 hatte er die Düngemittelfirma seines Vaters geerbt, die er zu einem internationalen Chemieunternehmen ausbaute. In den 70ern bis Mitte der 80er fädelte er als Geheimagent große Deals für das israelische Nuklearwaffenprogramm ein, wobei er heute betont: „Du darfst dich nicht fürchten, deinem Land zu helfen, solange du kein Gesetz brichst. Und ich habe keines gebrochen.“ Tatsächlich ist Milchan alles andere als ein politischer Falke, sein größtes Ziel ist nicht der Oscar, sondern „Friede für den Nahen Osten.“
Für jemand mit dieser Biografie war das Haibecken von Hollywood nur ein besseres Goldfischaquarium. Nachdem seine Firma Regency – heute New Regency – mit „Pretty Woman“ ihren ersten Blockbuster produziert hatte, begannen ihn auch die Spötter und Zweifler ernst zu nehmen. Aber gerade weil Milchan, nebenbei ein leidenschaftlicher Tennisspieler, noch viele andere Interessen hatte – zwischenzeitlich besaß seine Firma 42 Prozent von Puma – zog er sich phasenweise aus der Branche zurück. Seine Filmfirma blieb trotzdem bestehen, auch wenn sie eher für reine Kommerzware wie „Big Mamas Haus“ oder „Alvin und die Chipmunks“ verantwortlich zeichnete. Nicht dass sie diese aufgegeben hätte – unlängst startete der vierte „Chipmunks“-Film – aber 2011 wechselte Milchan das Management aus und meldete sich mit einem Memo an seine Mitarbeiter zurück: „Wir wollen nicht das Alte kreativ fortsetzen, sondern eine neue Welt schaffen.“
Und das sollte kein Lippenbekenntnis sein. Gerade weil er und seine Firmenchefs Brad Weston und Pamela Abdy eben bereit waren, die eingefahrenen Pfade zu verlassen. Milchan störte sich nicht daran, dass ihm Regisseur Darren Aronofsky mit „The Fountain“ einen ordentlichen Flop beschert hatte, sondern half ihm sein Herzensprojekt „Noah“ zu realisieren, obwohl das ein Preisschild von $ 130 Millionen trug. New Regency unterstützte Regisseur Iñárritu bei „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) “ und „Revenant – Der Rückkehrer“, und klinkte sich ein, als niemand sonst, „12 Years a Slave“ finanzieren wollte. Auch bei reiner Unterhaltungsware legte man hohe Standards an: „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ wurde von keinem Geringeren als David Fincher inszeniert. Unlängst drehte Michael Fassbender „Macbeth“ und Regisseur Justin Kurzel die Game-Verfilmung „Assassin’s Creed“ ab.
Zugegeben, Milchan kann es sich leisten. Sein Vermögen wird auf $ 5,6 Milliarden geschätzt. Aber welcher andere Milliardär ist bereit, für künstlerische Visionen Abermillionen in den Sand zu setzen? Milchan hat eben ein ganz besonderes Motiv: „Immer wenn ein Film von mir floppt, sehe ich vor meinem geistigen Auge Elizabeth Taylor beim Dinner. Dann weiß ich, warum ich weitermache.“
Rüdiger Sturm
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via Chebli Mohamed
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